Autonom-Feministisches FrauenLesbenTreffen in Wien

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Vom 9.-14. April fand das Autonom-Feministische FrauenLesbenTreffen in Wien statt. Frauen aus unterschiedlichsten Ecken dieser Welt kamen zusammen, um sich selbstorganisiert zu vernetzen, zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen, Perspektiven zu entwickeln und sich politisch zu organisieren.

In Workshops diskutierten wir über spezifische Themen betreffend Sexismus, Rassismus, Kapitalismus, Patriarchat, Religion, Homophobie. Es wurde über die Situation in verschiedenen Ländern informiert, es wurden Filme gezeigt, Kurse durchgeführt und praktische Fertigkeiten trainiert, es wurde gemeinsam diskutiert, debattiert, gekocht, gegessen, gedolmetscht, gelacht und getanzt. Als Frauen der Karakök Autonome tr/ch – Feministische Aktion führten wir eine Infoveranstaltung zum Thema „Anarchafeminismus & Militärverweigerung – Widerstand gegen Patriarchat und Nationalismus“ durch. Da wir viel Wert darauf legen, den sexuell orientierten mit weiteren Formen des Widerstandes (politisch, ökonomisch, ökologisch, soziokulturell) zu vervollständigen, genossen wir insbesondere den fruchtbaren gegenseitigen Austausch und die Vernetzung mit politisch motivierten Frauen aus verschiedenen Ländern.

Zwischen den Teilnehmerinnen des Treffens gab es Frauen, die offenlegten, nur ihre sexuelle Identität thematisieren zu wollen; andere wiederum erwogen das Treffen als eine Möglichkeit, offen die eigene Homosexualität ausleben zu können, ohne angestarrt oder angegriffen zu werden. Andere  wollten den politischen Widerstand als Grundlage für die geschlechtspezifische Situation der Frauen nehmen und wieder andere nutzten das Treffen dazu, um sich Infos aus anderen Ländern zu beschaffen, z.B. für Zeitschriften oder Radioprogramme. Interessant war, wie sich die Interessensgebiete auf natürliche Art und Weise aufteilten, ohne dass es dabei zu Konflikten kam. Da die Workshops und Aktivitäten spezifische Schwerpunkte behandelten, zogen sie entsprechend diejenigen Frauen an, die an diesem Schwerpunkt interessiert waren. Dadurch fanden gleichgesinnte Frauen zwischen den Anwesenden rasch zusammen und konnten intensiv auf ihre jeweiligen Interessensgebiete eingehen. Die unterschiedlichen Ansichten führten aber keineswegs zu Reibereien, sondern konnten alle frei zur Geltung kommen, ohne sich gegenseitig zu behindern.

Diese Tatsache zeigte sich insbesondere an der Demonstration am Sonntagvormittag, welche den kämpferischen Höhepunkt des Treffens bildete. Die Demo begann am Stephansplatz vor dem Dom und passend zu Ostern thematisierten wir die Unterdrückung der Frau durch Religion und Patriarchat. Als Karakök-Frauen hielten wir eine Rede zum Thema Befreiung der Frau und des Individuums, Verweigerung der Institution „Familie“ und Ablehnung einer reformistischen Gleichstellungspolitik. Wir wollen kein Stück des von Anfang an verdorbenen Kuchens, sondern wollen uns selber sein: als Frauen, als Menschen, als Individuen! Die Reden sowie die unterschiedlichen Transparente zeigten auf, dass wir (so unterschiedlich und individuell, wie Menschen eben nun einmal sind) unterschiedliche Meinungen vertraten und teilweise auch unterschiedliche Anliegen hatten. Trotzdem unterstützen alle einander. Parolen wurden leidenschaftlich mitgerufen, unabhängig von der jeweiligen Ausrichtung oder Sprache. Die gelebte Praxis vereinte uns stärker, als es theoretische Diskussionen je hätten tun können. Sie stärkte das Bewusstsein aller darüber, dass unser Kampf antinational ist und war ein Beispiel für gelebte Solidarität, Toleranz und Bewahrung der eigenen Individualität.

Die Demo verlief entschlossen und kämpferisch und sorgte für Aufsehen unter Einheimischen und TouristInnen: viele sprachen uns an und interessierten sich für unsere Anliegen,  andere fotografierten uns, es gab aber auch solche, die unser Anliegen nicht positiv auffassten. Bei allem Kampfgeist war die Demo jedoch nicht bierernst und wir hatten sehr viel Spass an der Sache: wir riefen Parolen, liessen uns durch die Bullen nicht einschüchtern, die uns den Platz einengen wollten, wir schrien unsere Wut hinaus, wir lachten, tanzten und bildeten einen riesigen Kreis, indem wir uns alle an den Händen hielten. Es gab zwei aufsehenerregende Kuss-Aktionen und schliesslich demonstrierten Frauen, was sie vom System halten, indem sie auf einer Wiese am Stephansplatz (wo Hitler 1938 eine bedeutende Rede gehalten hatte) die Hosen runterliessen und ungehemmt drauflos pissten. 🙂 Auch hier wurden unterschiedliche Meinungen akzeptiert: Frauen, die nicht küssen oder pissen wollten, wurden ebenso von den jeweils anderen akzeptiert, wie umgekehrt.

Ob kurzhaarig oder langhaarig, ob homo oder hetero, ob enthaart oder behaart, ob radikalfeministisch oder anarchafeministisch, ob Arbeiterin oder Studentin, ob extro- oder introvertiert: während des Treffens durfte jede so sein, wie sie wollte.

Entgegen des indoktrinierten Musters, das Patriarchat und Kapitalismus in unser aller Köpfe verankert haben, und entgegen aller Versuche, Frauen gegeneinander aufzuhetzen und untereinander zu spalten, ist es also durchaus möglich, dass Frauen einander respektieren, tolerieren, zusammenstehen, und dabei trotzdem ihre individuelle Position vertreten – so wünschen wir uns die Gesellschaft und das friedliche, bunte Zusammenleben aller Menschen und Lebewesen auf dieser Welt!

Das Einzige, was wir am Treffen vermissten, war die Diskussion aktueller Themen anstelle allgemeiner, theoretischer Inhalte. Viele Probleme bestimmen die aktuelle Tagespolitik und wirken sich auf uns Menschen aus, und damit auch auf uns Frauen. Diese wurden jedoch von den meisten Teilnehmerinnen kaum bis gar nicht thematisiert. Fairerweise muss man anmerken, dass diese Tendenz nicht spezifisch für die feministische Bewegung ist, sondern im gesamten revolutionären Spektrum weit verbreitet ist. Da der Kapitalismus intensiv nach vorwärts blickt und unaufhörlich Pläne für die vor uns liegenden Jahre bis Jahrzehnte schmiedet, ist es unabdingbar, dass wir noch viel stärker nach vorne blicken und analysieren, wohin sich das aktuelle System, die Menschen und die Natur entwickeln. Wir müssen alle bestehenden Theorien über Bord werfen und sie aus unseren Köpfen löschen, damit wir die Gegenwart scharf und unvoreingenommen beobachten können. Veraltete Theorien sind nicht mehr gültig und behindern uns im Vorwärtskommen. Wir durchleben aktuell eine Epoche von Erneuerungen des bestehenden politischen Systems. Der Kapitalismus erfindet sich neu und stärkt sich. Es gilt nun aufzudecken: welche Strategien benutzt der Kapitalismus, um sich ein neues Gesicht zu verschaffen? Was sind die Probleme, aber auch die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen? Mit welchen Methoden werden Menschen heute manipuliert? Wie ist die spezifische Situation der Jugend und worin unterscheidet sie sich von vorherigen Generationen?  Wie werden Menschen ans bestehende System gekettet? Wovor haben Menschen Angst? Was sind aktuelle geschlechtsspezifische Probleme von Frauen und Männern? Welche neuen Probleme tauchen in zwischenmenschlichen Beziehungen auf und wie versuchen die Menschen, sie zu bewältigen? Wie verändert sich unser Körper unter Angesicht der ökonomischen und ökologischen Umstände? Welches sind unsere Bedürfnisse und welche davon wurden künstlich erzeugt? Nur, wenn wir möglichst viele Bereiche des Lebens beobachten und praktisch an ihnen teilhaben, generationen- und schichtenübergreifend denken und leben, können wir sehen, welche Entwicklung die Gegenwart nimmt und nur so können wir an wirkungsvollen Alternativen arbeiten.

Das System ist abhängig von uns und kann nur dadurch funktionieren, dass wir mitmachen. Wir besitzen daher eine grosse Kraft: benutzen wir sie hier und jetzt – als Frauen, als Menschen, als Individuen!

 

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 Demomobil…

 

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 Fight facism, sexism, nationalism, capitalism!

 

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 Karakök-Rede während der Demo

 

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 Anarchafeministinnen aus Wien & von Karakök

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