Blick nach Kobane – Reisebericht eines Aktivisten der Karakök Autonome (Teil 2)

In Suruc herrscht Ausnahmezustand.

Rund 160’000 Zelte verteilen sich in der Stadt, voll von Flüchtlingen, die Kobane hinter sich gelassen haben. Die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Bereich sind aufgehoben: alle Türen in der Stadt stehen offen, alles gehört allen. Alle Häuser der Stadt bieten Flüchtlingen Unterschlupf, selbst die Moscheen wurden zu Nachtlagern umfunktioniert. Tagsüber liest der Imam den Ezan, nachts hingegen schlafen Hunderte, Tausende Menschen hier. Selbst im Totensaal liegen Schlafsäcke oder Decken am Boden, die Flüchtlingen oder Stadtbewohner_innen eine Schlafgelegenheit bieten. Niemand schläft zweimal im selben Bett, sondern legt sich dort zur Ruhe, wo es sich gerade ergibt. Im Schlafsack, in welchem ich gestern geschlafen habe, schläft heute bereits jemand anderer. Das spielt aber keine Rolle, denn ich werde auch so irgendwo einen Schlafplatz finden. Wer gerade zwei Decken hat, teilt eine. Es fühlt sich an, als seien alle hier seit Jahren enge Freund_innen, trotz oder gerade in Angesicht der tragischen Umstände.

kobaneIn Suruc gibt es ein staatliches Krankenhaus. Vor dem Notfallempfang steht ein Zelt, in welchem freiwillige Helfer arbeiten, beispielswiese Pfleger_innen oder Ärzt_innen aus anderen Städten. Vor dem Empfang stehen aber auch die türkische Polizei und das Militär mit Panzern bereit und bewachen das Geschehen. Niemand kann vorbei, ohne an ihnen vorbei  zu kommen. Als ich versuche, ein Foto vom Notfalleingang zu schiessen, möchte die Polizei meine Kamera beschlagnahmen. Im Gemenge kann ich untertauchen und verstecke mich in der Cafeteria. In erster Linie versucht die Polizei aber, Verletzte aus den Reihen der YPJ/YPG abzufangen, die hierhergebracht werden. In jüngster Zeit gab es 8-9 Festnahmen, da es vor dem Notfallempfang oft zu unfreiwilligen Identifikationen durch bestürzte Szenen von Angehörigen kam. Durch Angehörige, die ihrem Schock laut Luft verliehen oder anderen mitteilten, was geschehen ist, konnte die Polizei erfahren, wer zu den Verletzten gehörte. Daher werden mittlerweile Verletzte mit Tüchern verdeckt ins Spital transportiert. Die Polizei kann die Gesichter dadurch keinen Namen zuordnen und weiss nicht, um wen es sich bei den Verletzten handelt. Früher wurde der Transport von Verletzten ins Spital oft durch die Polizei verhindert, so dass viele Menschen an der Grenze verstarben. Aktuell ist der Durchgang ins Spital erlaubt. Was morgen sein wird, weiss niemand, alles kann sich von einem Tag auf den anderen ändern. Die Bevölkerung im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist ein Spielball von Regierungen. Das Leben der Menschen wir zur Wahrung der politischen Regierungsinteressen aufs Spiel gesetzt.

Neben dem Krankenhaus steht ein weiteres Gebäude. Aktuell leben hier 6 Familien. Sie alle sind ehemalige Geiseln des IS in Kobane. Frauen und Kinder wurden im Verlauf freigelassen, so dass sie nun hier Zuflucht gefunden haben und um die Männer in ihrem Familien- und Freundeskreis bangen. Überhaupt herrscht ein Bangen, wohin man schaut. Viele berichten über Abschiedsbriefe, die sie zuhause vorgefunden haben: Kinder, Enkel, Freund_innen, Greise, Eltern: sie alle entschieden sich, sich dem Kampf gegen den IS anzuschliessend und in den Krieg zu ziehen. Die Hinterbliebenen zittern Tag und Nacht vor Angst, wenn sie auch Stolz empfinden. Jede noch so kleine Meldung wird verfolgt, jede noch so winzige Information weitererzählt. Jederzeit könnte es sein, dass jemand, der einem nahesteht, gerade gestorben ist. Die Flüchtlinge in Kobane erwartet eine ungewisse Zukunft. Sie alle fragen sich: steht mein Haus noch? Kann ich jemals zurück nach Kobane? Werden meine Kinder je wieder zur Schule gehen können? Jedes Flugzeug, das über Kobane fliegt und Bomben auf den IS abfeuert, macht Hoffnung. Jede Waffe, die nach Kobane gelangt, macht Hoffnung. Doch jede Auseinandersetzung zwischen YPJ/YPG und dem IS macht Angst: ist jemand von uns gestorben? In Suruc gibt es keine Musik, keinen Tanz, keine Feste, wie es sie sonst hier tagtäglich geben würde. Die Augen der Menschen hier wirken leer: sie zeigen weder Hoffnung, noch Hoffnungslosigkeit. Vielmehr scheinen sie noch nicht zu begreifen, was geschieht. Es ist noch kein Raum dafür, entsetzt zu sein über das, was passiert. Trotzdem herrscht eine vertraute und fürsorgliche Atmosphäre: jeder kümmert sich um jeden. Alle sind mit allen befreundet, ohne Alters-, Sprach- oder soziale Grenzen. Man sieht 70-jährige Frauen in traditioneller Kleidung nachts mit 20-jährigen dreadlockstragenden Student_innen aus Istanbul bis in die Morgenstunden beisammensitzen, diskutieren, politisch debattieren. Die Dörfer, die direkt ins Grenzgebiet fallen, sind geleert. Auch ihre Einwohner_innen sind nun Flüchtlinge. Überall an der Grenze finden öffentliche Volksküchen stadt, organisiert durch die BDP (kurdische Partei für Frieden und Demokratie). Morgens, mittags und abends werden hier Mahlzeiten gekocht. Alle helfen freiwillig mit. Mindestens 3800 Personen essen pro Tag an einer einzigen Volksküche. Die Küchen bilden einen Haupttreff- und austauschpunkt.

Oben und unten: Beobachter_innen von Kobane (Bilder: The Guardian, Yenisafak)

https://i1.wp.com/static.guim.co.uk/sys-images/Guardian/Pix/pictures/2014/10/8/1412792501671/Local-residents-in-the-Su-011.jpg

Das Dorf Mahser liegt direkt gegenüber Kobane in nur ca. 300-400 m Entfernung. Da die Region eine Ebene ist, haben wir von hier einen Überblick über ganz Kobane. Tag für Tag sammeln sich am Dorfrand jeweils 500 Beobachter_innen, die aus freiwilligen und solidarischen Personen bestehen – aus Dorfeinwohner_innen, aus Journalist_innen, aus politischen Aktivist_innen. Die Besetzung der Beobachter_innen fluktuiert ständig und setzt sich spontan auf freiwilliger Basis zusammen. Ihre Funktion ist es einerseits, zu beobachten, was in Kobane aktuell geschieht, um die Informationen weiterzutragen. Andererseits entsteht dadurch aber auch ein Kontrollmechanismus: sollte die türkische Regierung dem IS helfen, so bleibt dies hier nicht unbemerkt. Es gibt keinen weiteren Zugang von der türkei nach Kobane als über diese Grenze, so dass nichts, was hier geschieht, unbeobachtet bliebe. Auch das türkische Militär hält Stellung auf zwei Hügeln links und rechts der Grenze. Auch sie beobachten. Kobane selbst liegt in Schutt und Asche. Die ganze Stadt ist ein Trümmerhaufen. Hie und da ragen vereinzelte Gebäube gen Himmel. Ein fünf- bis sechsstöckiges Gebäude fällt besonders auf: auf dem Dach  flattert eine IS-Flagge. Tag und Nacht hören wir Kanonenkugeln, sehen wir Bomben hochgehen und Feuer entzünden, hören wir Schüsse. Es herrscht Krieg.

Flüchtlinge schlafen in einer Moschee in Suruc (Bild: beirutme.com)

Bisher sind noch keine Peshmerga nach Kobane gelangt, nachdem die türkische Regierung kommuniziert hat, einen Konvoi nach Kobane zu schicken. Wären sie hier, hätten wir sie unweigerlich gesehen. Es wurden zwar Videos vom Konvoi veröffentlicht, wie er mit Panzern und Flaggen unterwegs ist – neuesten Informationen zufolge handelt es sich aber um Aufnahmen, die an einem Ausbildungsort der Peshmerga aufgenommen wurden. Ob sie tatsächlich noch kommen werden? Das wird sich zeigen. Fakt ist: die Menschen hier wünschen sich eigentlich gar keine Hilfe durch die Peshmerga. Sie sagen: “Wir können uns selber helfen. Wir haben unsere Guerilla-Kämpfer_innen, unsere Verteidigunsstrategien. Was wir jedoch brauchen, ist militärische und medizinische Hilfe, insbesondere aber offene Grenzen, so dass ein Import dieser Dinge möglich ist. Nur so kann Kobane weiterkämpfen”. Aktuell ist Kobane isoliert. Unter diesen Umständen dem Krieg entgegenzutreten, ist praktisch aussichtslos. Der Konvoi der Peshmerga ist zudem für Kobane auch eine Gefahr: mit ihm könnten gefährliche Personen nach Kobane gelangen, die beispielsweise im Auftrag des IS, der türkischen oder der US-Regierung tätig sind. Man hat sich daher entschieden, die Hilfe des zwar Konvois anzunehmen, sollte er hier eintreffen, aber nur in einem begrenzten Umfang. Es soll nur eine begrenzte Anzahl an Peshmerga-Kämpfer_innen hinein nach Kobane gelassen werden. Zudem werden Ausweiskontrollen aller Peshmerga durchgeführt werden.

3 Yanıt to “Blick nach Kobane – Reisebericht eines Aktivisten der Karakök Autonome (Teil 2)”

  1. […] Hier ist die Forstsetzung des Reiseberichts […]

  2. […] Onderstaande tekst is uit het Duits vertaald en verscheen op 30-10-2014 op de webiste van Karakök Autonome. dit is een groep Turkse en Koerdische anarchisten in Duitstalig gebied. Orgineel: HIER […]

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