Anarchist

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Der Tyrannenmord ist ein sehr alter Vorschlag, gutgeheissen von etlichen respektablen Philosophen. Dass Erdogan ein Tyrann ist, steht wohl ausser Frage. Er hat einen Führerkult um sich aufgebaut, versucht alle Fäden in seinen Händen zusammenkommen zu lassen und unterdrückt jegliche politische Kraft, die ihm nicht passt.

Dass viele den Tod dieses Tyrannen wünschen, steht ausser Frage. Wieviele Augen würden aufleuchten, bei der Nachricht seines Todes? Und man muss zugeben, dass uns Anarchisten die Idee des Tyrannenmords nur symphatisch sein kann. Sollten wir aber als Anarchisten all unsere Anstrengung darin setzen, einen Tyrannen zu töten? Einen Diktator, der nicht ganz so auswechselbar ist wie es vielfach die demokratischen Präsidenten sind…

Es gab einige Anarchisten, die versucht haben, einen der grossen europäischen Diktatoren des 20. Jahrhunderts zu töten. Auf Mussolini, Hitler, Franco und Lenin gab es erfolglose Attentatspläne von Anarchisten. Wer weiss was geschehen wäre, wären die Pläne von Erfolg gekrönt gewesen…?

Doch der Tyrannenmord ist keineswegs eine Spezialität der Anarchisten, nichts wäre falscher als das. Zum klassischen Tyrannenmord griffen schon etliche verschiedene Parteien der Geschichte, zumeist um einem anderen Regime den Weg zu bereiten. Viele Republikaner waren Anhänger des Tyrannenmords, und dies ist auch logisch konsequent, wollen sie doch, dass der Staat von gewählten Repräsentanten geführt werde.

Ein heroisches Beispiel sind etwa die Russischen “Nihilisten” (Narodniki), die über Jahre hinweg versuchten, den russischen Zaren zu töten. Ihre Ideen waren grossteils demokratisch-republikanisch, und sie hofften, mit dem Tod des Zaren einer Volksregierung den Weg zu bereiten oder zumindest den Zarenmythos zu zerstören. Sie waren, das muss gesagt werden, keine Anarchisten. Als die Ermordung des Zaren, nach etlichen, opferreichen Versuchen, schliesslich erfolgreich war, ginge eine Welle der Freude durch die Welt. Doch die erwartete Revolution liess auf sich warten. Die Bauern verstanden es nicht, ja, betrachteten den Zaren vielfach sogar als ihren Freund…

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen überlegten sich die russischen Anarchisten ihre Konzepte. Sie sagten, dass der “politische Terror” (wie z.B. die Ermordung des Zaren) vor allem für die Bourgeoisie interessant sei, während die grosse Masse skeptisch abseits steht, ohne dass sich ihre Lage gross verändert. Sie propagierten demgegenüber den “ökonomischen und sozialen Terror”, das heisst: den Angriff auf die aufkommende Bourgeoisie wie den Adel insgesamt. Sabotage und Zerstörung in den Fabriken, Angriffe auf die Infrastruktur, etc. Dort wo es den Reichen ökonomisch wehtut. Und sozial hiess: Angriff auf Leib und Leben der sozialen Tyrannen, die Unternehmer, Kapitalisten, Grossgrundbesitzer, Kirche, Polizei etc. Diese Entscheidung, das politische Feld zu verlassen, und ins ökonomische und soziale Gebiet vorzustossen, schien den Anarchisten nur logisch. Ist es doch das soziale und ökonomische Gebiet, indem der Staat seine Wurzeln schlägt, und nur wenn man diesen dort entwurzelt, die Wurzeln abhackt, fällt der ganze baum und nicht nur die Krone…

In der russischen Revolution von 1905 wurde dieses Konzept des “sozialen und ökonomischen Terrors” [nur um’s zu sagen: das Wort Terror wäre nicht meine Wahl] von einer grossen und lebendigen anarchistischen Bewegung (die übrigens nur im Geheimen agieren konnte) breit angewandt, und verbreitete sich unter den Bauern und Arbeitern rasant. Das Konzept hatte das Potential, dem Staat jeglichen Grund und Boden zu entziehen, der nun von der (nun nicht mehr) armen Bauern- und Arbeiterbevölkerung frei benutzt werden konnte. Die russische Revolution von 1905 wurde bald niedergeschlagen, aber man wird den Einfluss der aufständischen Experimente der Anarchisten 12 Jahre später nicht verleugnen können, als die Revolution nun nicht mehr vom alten Staat gemeuchelt wurde, sondern von den Bolschewisten…

Ich wurde gefragt, einen Kommentar zu den Möglichkeiten für Anarchisten in der gegenwärtigen Situation in der Türkei zu schreiben. Diese Situation ist mir nur vom Hörensagen bekannt, weshalb ich hier auch lieber historische Beispiele vorbringe, die mir in den Sinn kamen, als ich mit Gefährten über gewisse Gedankengänge sprach. Die Gefährten erzählten mir von der allgemeinen Perspektivenlosigkeit angesichts des neulichen Putsches von Erdogan, und das viele Gefährten glaubten, nichts mehr tun zu können, als auf das kleinere Übel zu hoffen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Anarchisten nur eine kleine Minderheit stellen. Hier kam die Sprache auf die Frage des Tyrannenmords, die, wenn man denkt, das wirklich soviel an dieser Einzelnen Person liegt, doch eigentlich naheliegend sein sollte. Ob nun an Erdogan so viel liegt oder nicht, darüber wage ich nicht zu entscheiden.

Was mir aber am Herzen liegt, ist darauf hinzuweisen, dass der politische Wechsel allein für Anarchisten nicht zufriedenstellend sein kann. Als Feinde jeglicher Herrschaft sollte es uns vielmehr daran gelegen sein, wie wir mit unserer Aktivität den revolutionären Prozess anstossen, beschleunigen und vertiefen können. Wie wir jeglicher Herrschaft die Wurzeln abhacken können. Das bedeutet vor allem, auch in den schlimmsten Episoden noch zu versuchen die eigenen Ideen hochzuhalten. Auch in den Situationen, in denen uns alle vorwerfen nicht für das kleinere Übel zu sein. Als Anarchisten kann unsere Perspektive nicht die Politik sein. Wir können uns auf die Seite keiner Bourgeoisie stellen, sei sie auch links, kurdisch oder fortschrittlich. Wir haben keine Macht zu erhalten.

Der anarchistische Kampf kann nur sozial sein. Die Entfaltung einer breiten Agitation, die Propagierung und Verbreitung von reproduzierbaren Sabotageakten und Angriffen kann, so denke ich, auch unter dem repressivsten Regime seine Effekte kreieren. Der Versuch, lokale Kämpfe anzustossen, die sich nicht um politische Fragen drehen, sondern um soziale Fragen, scheint mir überall wertvoll zu sein – und in der Türkei, soweit ich von der Situation höre, auch einiges an Potential zu haben. Zumindest ist es das, was ich in meinem Kontext umzusetzen versuche. Was davon in eurem eigenen Kontext vonnutzen ist, zu was ihr euch entscheidet oder nicht, wichtig scheint mir immer das Zusammenspiel von Worten und Taten, das Experimentieren mit den verschiedensten Ansätzen, der Mut dazu und vorallem: den Horizont nicht zu verkleinern, sondern immer offen zu halten für den Sprung ins Unbekannte, die soziale Revolution.

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