2- Über die Karakök Autonome

Datei:karakoklogo.jpg

laydaran@immerda.ch

www.karakok.org

Schwarze Wurzeln schlagen

Im Mai 2007 sammelten sich AnarchistInnen in Istanbul erstmals unter dem Namen „Karakök Autonome“.  Aufgrund des engen politischen und freundschaftlichen Austauschs mit den dortigen GenossInnen, beschlossen in der schweiz aktive AnarchistInnen, diesen Namen zu übernehmen. „Karakök“ bedeutet „Schwarze Wurzel“ und signalisiert einerseits das libertäre Spektrum, in welchem wir uns bewegen, als auch die Art und Weise, wie wir dies tun: wie ein dezentrales Wurzelgeflecht, nicht gestützt auf einen einzelnen Stamm oder eine Wirbelsäule, sondern geflechtartig zusammenhängend, gemeinsam stützend und verschiedenartige Strukturen hervorbringend: Äste, Blätter, Blüten.

Wie sind wir organisiert?

Wir verstehen uns nicht als Organisation nach klassischem Verständnis, sondern als ein Zusammenschluss von Individuen, die im Willen zur Kollektivität handeln. Die AktivistInnen unserer Gruppe vertreten keine einheitliche starre Denkweise oder Ideologie: unser gemeinsamer Nenner besteht darin, dass wir Herrschafts- und Machtstrukturen jeglicher Art ablehnen und für eine freie Welt kämpfen, für ein selbstverwaltetes, verantwortungsvolles und offenes Miteinander Aller. Gewisse gemeinsame Ziele oder Ansichten gibt es durchaus (auf die untenstehend näher eingegegangen wird), sie kamen jedoch in gemeinsamen Diskussionen oder durch gelebte Praxis auf und wurden nicht von einem “führenden Zentrum” als Programmpunkte aufgesetzt.

Die Karakök Autonome “gehört” niemandem, sie dient einzig und allein der Vernetzung und Organisierung zum Zweck, effektiver Veränderungen zu bewirken. Jede und jeder kann innerhalb dieses Namens frei den libertären Grundgedanken auf welche Art auch immer unterstützen, ohne dass alle anderen dies absegnen müssen. Niemand hat das Recht, über jemand anderen zu entscheiden, sie oder ihn zu führen oder zu kontrollieren. Auch ob und inwiefern man/frau Aktionen unterstützen will, ist jedem selbst überlassen und findet nicht auf Verpflichtung, sondern auf einer freiwilligen Ebene statt.

Wir handeln im Bewusstsein, bestehende, der Gesellschaft auferzwungene Strukturen über Bord zu werfen, und dabei nicht nur für die Zukunft Neues zu wünschen, sondern Neues bereits in unserem Weg dahin umzusetzen. Unser Widerstand gegen Herrschaft und Autorität kann nicht auf Regierungsstrukturen beschränkt werden, denn auch wir selbst sind Teil dieser Strukturen. Während unseres Widerstandes sollten wir daher das in uns verankerte System nicht ausser acht lassen, wenngleich sich dies oftmals als schwieriger erweist.

Dass wir Menschen sind, die einen gemeinsamen politischen Namen benutzen, heisst nicht, dass wir gleich denken müssen, um gemeinsam an einem Strang ziehen zu können, im Gegenteil: je mehr unterschiedliche Farben und Sichtweisen zusammenkommen, umso wirksamer kann die revolutionäre Bewegung neue Alternativen hervorbringen. Erst wenn jeder Mensch frei seine Individualität nach aussen tragen kann und nicht Mitglied einer lähmenden “Herde” sein muss – ohne dass dies jedoch Egoismus, fehlende Rücksichtnahme oder das Hervortreten von Führungsstrukturen bedeutet, sondern vielmehr Selbstverantwortung, ein kollektives und respektvolles, autonom organisiertes Miteinander ohne Machtstrukturen- erst dann können wir nicht nur von freien Individuen, sondern von einer freien Gesellschaft, einer freien Welt als Ganzes sprechen. Gerade eine funktionierende, autonome Kollektivität trotz all unseren Eigenheiten und unterschiedlichen Ansichten stellt doch die Welt dar, die wir uns wünschen. Indem wir bereits jetzt diese Welt in unseren Köpfen, in unserem Handeln und in unseren Umgangsformen erschaffen, entwickeln wir uns nicht nur politisch, sondern auch auf zwischenmenschlicher Ebene weiter und bauen dadurch Stück für Stück am praktischen Funktionieren einer Welt ohne kapitalistisch, feudal, patriarchalisch, religiös oder bürgerlich aufdiktierte Strukturen.

Ein weiterer Konsens besteht darüber, dass die Erschaffung von Helden und Idolen uns unweigerlich zu Populismus und Hierarchien sowie zur Lähmung eigenständigen Denkens führt. Die anarchistische Theorie kann niemandem “gehören”; sie entstand direkt aus dem Leben heraus und dient dazu, wieder ins Leben zurückzufliessen. Auch wenn Theorien wichtig sind zum Verständnis der Geschichte und der Gegenwart, so wird uns doch ein praktisches Handeln, welches sich einzig und allein an ihnen orientiert, nach rückwärts bewegen. Was uns weiterbringt, ist das scharfe Beobachten der Gegenwart, ihre Analyse und Lösungsansätze. Wir haben es uns daher zum Ziel gesetzt, eigenständig und frei von starren Denkstrukturen die aktuelle Situation zu beobachten und mit unserem Widerstand im Heute und im Morgen anzusetzen, direkt bei allen Hürden, die sich uns reell stellen.

Was machen wir?

Wir beteiligen uns an den unterschiedlichsten Kämpfen innerhalb des libertär-revolutionären Spektrums, sei es in Arbeitskämpfen, Öko- und Anti-Kriegs-Aktivitäten, Jugend-, Frauen- oder Queer-Bewegung. Auf der lokalen Ebene greifen wir aktuelle ortsspezifische Problematiken auf. Es kommt durchaus vor, dass wir uns hier in der schweiz auf ein bestimmtes Thema konzentrieren und die GenossInnen in der türkei mit einem völlig anderen. Oftmals stellen wir jedoch fest, dass sich diese sich zwar in ihren Symptomen unterscheiden, jedoch auf derselben Grundlage einer kapitalistischen, Hierarchien fördernden Welt voller Regeln, Zwänge, staatlicher Kontrolle und Repression basieren. Dies kann sich beispielsweise in Istanbul durch die Ermordung von Transsexuellen äussern, in Zürich hingegen in der Vereinnahmung der Queer-Bewegung durch den Staat und damit ihre Kontrolle und Schwächung. Beiden liegt eine intolerante und repressive Struktur zugrunde, obschon sie sich kulturell unterschiedlich manifestiert.

Grossen Wert legen wir auf gegenseitige solidarische Unterstützung mit GenossInnen anderer Regionen. Wir arbeiten antinational mit anti-autoritären Gruppen und Netzwerken aus diversen Ländern zusammen. 2008 wurden Delegierte der Karakök Autonome aus der türkei und der schweiz an den 8. Kongress der IFA (Internationale der Anarchistischen Föderationen) eingeladen. Zum ersten Mal in der Geschichte der IFA waren somit AktivistInnen aus der türkei vertreten und berichteten über den Kampf und die Anliegen der Anarchistischen Bewegung im anatolischen Gebiet. Im Januar 2009 nahmen wir als Delegierte am diesjährigen Treffen der CRIFA (Kommission für Internationale Beziehungen der IFA) in Strasbourg teil.

Karakök Autonome türkei: In Istanbul nahmen wir 2008 und 2009 gemeinsam mit weiteren anarchistischen Organisationen an der 1. Mai-Plattform teil und demonstrierten als solche in Taksim. Nach der Ermordung der italienischen Friedensbotschafterin Pippa Bacca initiierten wir in der türkei gemeinsam mit weiteren Gruppen die Kampagne “Biz erkek degiliz” (“Wir sind keine Männer”), welche mit verschiedenen Aktionen das patriarchalische Männerbild anfocht. Desweiteren riefen wir zur Gründung einer Anatolischen Anarchistischen Föderation auf und führten mehrere Vorbereitungssitzungen durch, an welchen anarchistische Organisationen diverser Regionen teilnahmen. In Istanbul organisierten wir ein Symposium zum Thema “Sexualität und Revolution” sowie Filmtage. Im Süden der türkei planen wir ein alternatives Lebens- und Kulturprojekt, dessen Vorbereitungen im Gange sind. Wir nahmen an mehreren Demos und Treffen teil im Rahmen der Kampagne “Kardesime Dokunma” (eine Kampagne gegen staatliche Gewalt) und solidarisierten uns mit antimilitaristischen Aktivitäten und Militärdienstverweigerern.

Karakök Autonome schweiz: Ende Oktober 2008 nahmen wir an den kulturellen und praktischen Aktivitäten der „Anarchiewoche“ in Zürich teil, welche von den „Zürcher AnarchistInnen“ organisiert wurde. Im November 2008 organisierten wir gemeinsam mit einer weiteren Gruppe eine Anti-AKW-Demo in Zürich und in München beteiligten wir uns anfangs 2009 im „Aktionsbündnis gegen die NATO-Sicherheitskonferenz“ und unterstützten aktiv die Anti-NATO-Aktivitäten. Die „Feministische Aktion“ der schweizer Sektion nahm am FrauenLesbenTreffen in Wien (April 2009) teil und veranstaltete dort u.a. einen Workshop zu neuen Ansätzen und Wirkungsweisen im Anarchafeminismus. Am 1. Mai 2009 marschierten wir in Basel innerhalb des Revolutionären Bündnisses und schlugen ein gemeinsames Transpi auf mit der Villa Rosenau und den Kurdischen Militärdienstverweigerern. Anschliessend öffneten wir im Zürcher Zeughausareal gemeinsam mit den Zürcher AnarchistInnen und der IWW unsere 1.Mai-Stände. An den StudentInnenprotesten an der Uni Zürich (April/Mai 2009) gegen eine von Konzerninteressen abhängige und ökonomisch orientierte universitäre Bildung beteiligten wir uns aktiv. Im Juni 2009 organisierten wir in Zürich innerhalb des Aktionsbündnisses die Demonstration “Festung Europa stürmen” mit, die am Internationalen Flüchtlingstag stattfand. Während der Demo spannten wir mit den Zürcher AnarchistInnen und der Tierrechtsgruppe Zürich ein gemeinsames Transpi auf. Desweiteren sind wir auf Radi LoRa mit einem monatlichen Programm auf Sendung, das wir zweisprachig (türkisch/deutsch) durchführen sowie hauptsächlich als Info-Plattform für die anarchistische und die breite revolutionäre und alternative Bewegung weltweit nutzen.

Nebst den praktischen politischen Aktionen legen wir Wert darauf, die eigene anti-autoritäre und freiheitliche Haltung auch im Alltag praktisch umzusetzen, sei es in familiären, freundschaftlichen oder Liebesbeziehungen, in Arbeits- oder Bildungsverhältnissen, in ökonomischen Beziehungen oder in unserem Verhältnis zu materiellen Besitztümern. Was eine von oben diktierte politische Revolution nützt, solange die soziale, psychologische und kulturelle Grundlage nicht dafür bereit ist, hat uns die Geschichte leider gezeigt. Auch hat uns die Geschichte gezeigt, dass alleinige soziokulturelle Bewegungen ohne die Einbindung in einen politischen, ökonomischen und ökologischen Kontext, langfristig genausowenig zu ändern vermag. Daher sollten wir beiden Seiten mindestens den gleichen Stellenwert zollen.

Das Leben ist überall. Es zu befreien, liegt in unseren eigenen Händen.

Lasst uns in unseren Köpfen und Herzen damit beginnen!

“Isyan! Devrim! Anarsi!” – “Aufstand! Revolution! Anarchie!”

Unsere deutschsprachigen Texte:

Anarchismus in der Türkei

Militarismus & Patriarchat

Anarchafeminismus & Militärverweigerung – Zwei Widerstandsformen gegen Militarismus, Nationalismus und Patriarchat

8. März Frauenkampftag

Feminismus in der türkei

Das Klima & wir

Über die Atomenergie

3 Yanıt to “2- Über die Karakök Autonome”

  1. ainfos.ca is calling
    Have you any text in English?
    Ilan

  2. mete hüsünbeyi Says:

    İsmail beşikçi basın açıklaması haber linki

    ‘Aynı suçu biz de işledik!..’Dr İsmail Beşikçi’ye destek amacıyla İzmir’den başlatılan bir aylık kampanya … bir araya gelen İnisiyatif üyeleri adına açıklama yapan Mete Hüsünbeyi; …

    ‘3 bin 700+1 kişi aynı suçu işledi!..9 May 2011 … Dr. İsmail Beşikçi’ye destek amacıyla İzmir’den başlatılan bir aylık … araya gelen İnisiyatif üyeleri adına açıklama yapan Mete Hüsünbeyi; …
    http://www.kazete.com.tr/haber_detay.php?hid=14534

  3. Solidarität! Ich find karkakök cool!

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