08- Die Emanzipation in sich selbst beginnen

„Do it yourself“ ist im Grunde die Essenz jeglicher anarchistischen Praxis. Je mehr wir in allen Bereichen des Systems im Bewusstsein dieses Prinzips handeln, um so mehr kann der Einfluss des Systems zerstört und an ihrer Stelle ein individuelles und kollektives Selbstvertrauen als Alternative erschaffen werden.

Wenn wir als Individuen in alternativen Lebensformen versuchen, eine neue Gesellschaftsform zu erschaffen, müssen wir hierbei auch das in uns verinnerlichte System stürzen. Nur die Begegnung von Individuum und Gesellschaft kann bleibende Aktionen erschaffen. Diese Begegnung ist höchst radikal und gleichbedeutend mit der Begegnung in Partnerbeziehungen. Denn in Partnerbeziehungen sowie innerhalb der Institution Familie zeigt sich das in uns verinnerlichte System besonders offen.

Zwischen 1960-70 haben sich in Europa sowie den USA sexuelle und kulturelle Befreiungsbewegungen ausgebreitet. Denn mit der Hinterfragung und Analyse des bestehenden Systems konnte auch der politische Kampf nicht auf ein einziges Thema beschränkt bleiben. Es konnten dadurch diverse Errungenschaften durchgesetzt werden; wie antimilitaristische, feministische, antihomophobe und antirassistische. Diese Errungenschaften überdauerten sogar den Zusammenbruch der politischen Bewegung in vielen Ländern in den 1980-er Jahren sowie die damit einhergehende Veränderung des politischen Klimas. Sie blieben weiterhin bestehen.

Die Befreiungsbewegungen in den 60-ern wurden aufgrund ihrer Radikalität von kapitalistischen SoziologInnen und PsychologInnen als vorübergehende Welle betrachtet. Und heute wiederum spielt es für die Gesellschaft keine Rolle, dass Zürichs Stadpräsidentin homosexuell ist – als wichtig wird von der breiten Gesellschaft empfunen, was sie in ihrem Amt macht und machen wird. Ihre Homosexualität steht nicht im Vordergrund, aber sie wird auch nicht neutralisiert oder verleugnet. Die Errungenschaften früherer Kämpfe bestehen also weiterhin, auch, wenn nach wie vor ein kapitalistisches System vorherrscht.

Von der 68-er Bewegung (zumindest in ihren Anfängen) können wir lernen, wie wichtig und radikal Eigeninitiative ist und wie wichtig es auch heute ist, neue Wege einfach zu begehen, anstatt sie vom politischen System zu fordern. Der Kapitalismus fürchtet nichts mehr wie die Eigeninitiative von Individuen und Gesellschaften. Denn Menschen, die Autonomie fordern, lassen es nicht zu, dass andere über ihr Leben entscheiden. Das herrschende und auf Herrschaft beruhende System ist mit allen Kräften bestrebt, diesen natürlichen Willen eines jeden Menschen –Eigeninitiative und Selbstverantwortung- zu unterdrücken. Es ist angewiesen auf Menschen, welche funktionieren, wie ihnen vorgeschrieben wird; welche denken, was ihnen indoktriniert wird. Die Realisierung einer „DIY“ Lebensweise eröffnet uns als Anarchafeministinnen und als Feministinnen überhaupt die Möglichkeit neuer Wege sowie neuer Errungenschaften.

Im Bewusstsein der seit Jahrhunderten systematisch praktizierten klassischen Frauenrolle sowie ihrer gesellschaftlichen Einflechtung ist es wichtig, diese nicht nur zu analysieren, sondern zu verweigern. Hierzu ist es wichtig, dass wir uns zuvor folgende Fragen stellen: Wo stehen wir innerhalb dieser Realität? Wie präzise können wir uns selbst und unsere Umwelt erfassen? Uns wurde aufgezwängt, unsere Umwelt durch die „Brille“ unserer Pflichten, sprich der Institution Familie sowie der „heiligen“ Mutterschaft wahrzunehmen. Dies hat seine Ursachen nicht etwa in der Natur der Frau, wie uns manche weiszumachen versuchen. Die Fähigkeit der Frau, gebären zu können, bedingt ganz und gar nicht die Institution der Familie gemäss einem kapitalistischen oder patriarchalen Verständnis. Vielmehr werden positive Emotionen der Frau, die sie in einer Partner- oder Mutterschaft fühlt, vereinnahmt durch das bestehende System und zu seinen eigenen Zwecken missbraucht. Die Fähigkeit der Frau, gebären zu können, umgewandelt in eine Institution: nämlich die der Familie. Ausserdem wird diese Fähigkeit von der Frau aufgrund der jahrelangen Indoktrinierung als Herrschafts- und Machtmittel verstanden – ein Gebiet, über dass sie alleine verfügt. Das Empfinden, einen Besitzanspruch über ein Kind oder über eine/n Partner/in zu haben, ist keinesfalls naturgegeben. Vielmehr wird sie vom System einer jahrhundertelangen Tradition folgend auferzwungen und wird von Frauen unbewusst verinnerlicht und praktiziert. Insbesondere deshalb, weil dieses System auf einem Herrschafts- und Besitzverständnis aufgebaut ist.

Die aktuelle feministische Bewegung beschränkt sich oftmals auf einen in sich geschlossenen Kreislauf: wie ein Ruf, der einem Berg entgegengeschmettert wird, kehrt er als Echo zurück und verstummt allmählich, nur um einem neuen Ruf den Weg zu ebnen. So ist immer wieder von „Gleichstellung“ die Rede. Dieser Begriff schlägt jedoch von vorneherein einen Weg ein, der zum Scheitern verurteilt ist. Wieso Gleichstellung – wieso gehen wir von etwas Bestehendem aus und versuchen uns daran anzugleichen? Was wir wollen, ist doch einzig und allein uns selber zu sein, unserer eigenen, individuellen Natur zu entsprechen. Insbesondere als AnarchafeministInnen erachten wir es als unabdingbar, zunächst Bestehendes zu verweigern, um Neues erschaffen zu können. Diesbezüglich sind wir angewiesen auf den radikalen Geist der 68-er.

Wir müssen die uns aufgezwungene traditionelle Familieninstitution verweigern in Bezug auf die Beziehung zu uns selber und zu unserer Umwelt. Wir müssen versuchen, die uns systematisch und programmatisch auferzwungenen und von uns als selbstverständlich verinnerlichten Mechanismen zu verweigern – und dabei alle anderen Aspekte der Ausbeutung berücksichtigen: die ökologische Situation der Erde, der Punkt, an den die imperialistischen Kriege uns gebracht haben, das neue aggressive Wesen der staatlichen Sicherheitskräfte sowie die Schürung einer sozio-kulturellen Entfremdung. Entgegen der gängigen Apolitisierungsstrategie und einer als „Selbstverständlichkeit“ verbreiteten Akzeptanz der aktuellen Umstände müssen wir uns selber sein.

Wir Frauen können uns nur befreien und uns selber sein, wenn wir auch die obengenannten Mechanismen des Systems analysieren und verweigern. Als Anarcha-FeministInnen gibt es nicht das Geringste, das wir von den Herrschenden wollen. Seit Anbeginn der anarchistischen Idee sind wir nie mit dem Mechanismus von „Herrschenden“ und „Beherrschten“ (Menschen, Institutionen, Regierungen, usw.) versöhnt gewesen. Stattdessen wollen wir durch unsere eigenen Kräfte, unsere eigene Existenz sowie unser eigenes Selbstvertrauen die Mauern in uns einreissen und dadurch wahre Lösungen bringen.Die feministische Perspektive sollte in allen politischen, ökonomischen, ökologischen und soziokulturellen Bereichen vom Staat und vom Patriarchat nichts fordern. Wie können wir etwas fordern von einem System, das auf Unterdrückung und Ungerechtigkeit aufgebaut ist?

Deshalb müssen wir lernen, uns zuallererst selber zu gebären, um uns selber zu sein. Die Programmierung und Domestizierung der Frau ohne das Zulassen ihrer eigenen Initiative müssen wir hinterfragen und vor allen Dingen: verweigernd hinterfragen. Die Frauen sind seit Jahrhunderten mittels ihrer Fähigkeit, zu gebären sowie mittels ihrer dazugehörigen Emotionen versklavt. Wir Frauen befinden uns in allen Poren des Lebens und der Gesellschaft. Das bedeutet auch, dass sich das bestehende unterdrückerische System auf uns Frauen stützt, und zwar doppelt: einmal durch direkte Einwirkung und einmal über das Patriarchat. Da sich die Pfeiler des Systems auf uns stützen, besitzen wir über enorme Möglichkeiten, das System von Grund auf zu stürzen. Dafür müssen wir uns erst einmal selber kennen.

Weil sich dieses System in allen Bereichen des Lebens befindet, kann die Befreiung der Frau auch nicht erfolgen, indem ein einzelner Aspekt des Lebens betrachtet und überwunden wird. So ist z.B. ein weiterer Aspekt, der in uns allen –ob Frau, ob Mann- eine Toleranz gegenüber unterdrückerischen Strukturen verinnerlicht wird, die erfolgreiche Apolitisierungsstrategie des herrschenden Systems. Jeglicher Ansatz der auch nur kleinsten Eigeninitiative und Eigenverantwortung wie z.B. die Teilnahme an einer legalen Demonstration wird bereits im Keime erstickt. Die Repression nimmt immer stärker zu, der Faschismus tritt immer aggressiver zu Tage, während er früher im Versteckten wirkte. Der Widerstand, der parallel dazu reagiert, wird nicht mehr bekämpft, sondern präventiv im Keime erstickt. Der Mensch wird von Anfang an versklavt herangezogen.

Beispielsweisen laufen Neo-Nazis in deutschland frei unter Polizeischutz; Menschen hingegen, welche die Schreckensherrschaft des Faschismus nicht vergessen haben und eine Gegendemonstration veranstalten, werden von den Polizeikräften angegriffen und fichiert. Weshalb wird jegliche praktizierte Kritik am herrschenden System gleich aggressiv angegriffen und zu ersticken versucht? Ist etwa der politische Widerstand derart gross? Wohl kaum. Diese Fragen sollten uns ebenso beschäftigen wie „klassische“ feministische Fragestellungen (wie in Bezug auf Familie oder Partnerschaft), da sie streng ineinander verflochten sind. Die Frage, welche Repressionsstrategien aktuell angewandt werden und wie sich die Sicherheitskräfte organisieren, ist für uns gleichermassen von Bedeutung.

Letztes Jahr fühlten sich AnwohnerInnen einer nahegelegenen Kinderkrippe durch den „Lärm“ (also die Kinderstimmen) gestört und reichten eine Beschwerde bei den Behörden ein. Als Folge darauf musste die Kinderkrippe an einen abgelegenen Ort umziehen und wurde mit schalldichten Mauern gegenüber der Nachbarschaft abgegrenzt. Das herrschende System hat uns als Gesellschaft so weit gebracht, dass zwischenmenschliche Beziehungen und Toleranz auf ein Nullniveau gesunken sind und dies nicht einmal hinterfragt wird. Menschen fühlen sich voneinander –statt vom herrschenden System- gestört und lassen freiwillig Trennlinien zwischen einander ziehen. Genau diese verinnerlichte Isolation ist es, was jede herrschende Struktur zu ihrem eigenen Schutz wünscht. Sie ist derart selbstverständlich, dass sie von der breiten Gesellschaft als normal hingenommen wird. Dies sagt uns sehr viel über die Art und Weise, wie das herrschende System funktioniert und bisher überhaupt funktionieren konnte. Der Frage nach dem „Warum?“ nachzugehen, in diesem oder in einem x-beliebigen alltäglichen Beispiel bringt uns einer Analyse des Systems näher als die blosse Betrachtung eines Aspektes des Lebens.

Ebenso kann das Thema Ökologie nicht getrennt von einer feministischen Perspektive betrachtet werden, da es gleichermassen Auswirkungen auf unsere Realität hat.

Der erfolgreichste Umsturz des Status quo beginnt damit, dass frau in ihrer eigenen Lebensweise indoktrinierte Prinzipien verweigert. Diese Prinzipien manifestieren sich insbesondere innerhalb von Liebesbeziehungen. Oftmals spielt es keine Rolle, welche radikalen und emanzipatorischen Theorien man vertritt: in Liebesbeziehungen fehlt oftmals die kritische Selbstreflektion – stattdessen wird dasselbe traditionelle Muster, das man eigentlich ablehnt, reproduziert. In der Partnerschaft ist dies vor allem der Besitzanspruch. Wenn man das Gegenüber nicht als ein Besitztum, sondern als ein freies Individuum begreift, wird dies hingegen auch von der Gesellschaft so begriffen. Definiert man den/die Partner/in als Partner/in und nicht als das Individuum, das er/sie ist, so bedeutet dies, dass das Gegenüber nur einen Wert hat, solange man eine Liebesbeziehung zusammen teilt. Das Bezeichnen des/r Partners/Partnerin als „Mein Freund/meine Freundin“ ist gang und gäbe auch in revolutionären Kreisen. Mein, mein, mein. Es geht auch hier darum, dass ein Mensch einem selber gehört und vor allen Dingen stellt man die Beziehung zu diesem Menschen, und nicht dessen individuelles Wesen in den Vordergrund: in diesem Fall stellt man in den Vordergrund, dass es sich um eine Liebesbeziehung und nicht etwa um eine andere Form von Beziehung handelt. Spielt dies denn eine so grosse Rolle? Im Grunde ist doch nichts anderes als Eifersucht und letztlich ein Machtanspruch damit verbunden. Insbesondere zeugt es auch von fehlendem Selbstvertrauen – der Gedanke, nur einen Wert zu besitzen, wenn man jemand anderem gehört und wenn jemand anderer einem selber gehört. Verweigert man hingegen dieses tief in der Gesellschaft verankerte und immer wieder reproduzierte Prinzip, ist die Gesellschaft gezwungen, etwas von einem zu lernen. Handelt man nämlich nicht nach diesem Muster, fällt dies auf und wirft Fragen in der Umwelt auf – Fragen hingegen öffnen Raum für neue Gedanken, neue Perspektiven. Dadurch, dass man sich in der Partnerschaft nicht den konventionellen Prinzipien entsprechend verhält, wirft man das Partnerschaftsbild der bürgerlichen Gesellschaft aus dem Ruder und kann alleine durch die kleine, aber vorgelebte Praxis mehr verändern als durch theoretische Auseinandersetzungen.

Als Anarchafemininistinnen ergreifen wir Partei. Diese besteht darin, uns selber zu kennen und zu charakterisieren, um all die Fesseln zu erkennen, welche uns ans bestehende System binden und sie als Folge darauf sprengen zu können. In der Brücke zwischen uns und der Umwelt müssen wir in unseren Taten und in unserer Stellung uns selbst sein.

Wir sind in allen Bereichen des Lebens ein potentielles Sprengpotential. Stellen wir uns doch nur einmal einen einzigen Tag ohne uns vor – ohne unser Mitwirken und ohne die bereitwillige Akzeptanz unserer eigenen Unterdrückung und Aubeutung. Wir müssen ins unsere eigenen Kräfte und in unsere eigene Existenz vertrauen.

Iris

Karakök Autonome türkei/schweizA-Feministische Aktion

www.karakok.org

laydaran@immerda.ch

Bir Yanıt to “08- Die Emanzipation in sich selbst beginnen”

  1. flippe Says:

    WENN NICHT ICH FÜR MICH BIN, WER IST DANN FÜR MICH ?

    WENN ICH NUR FÜR MICH BIN, WAS BIN ICH DANN ?

    WENN NICHT JETZT – WANN SONST ? 🙂

    ( Talmud )

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